OLG Hamm: Volljähriges Kind hat Anspruch auf Unterhalt bei Aufnahme eines weiteren Studiums nach abgebrochenem ersten Studium

OLG Hamm, Beschluss vom 05.02.2013 – 7 UF 166/12 (rechtskräftig)

Das Oberlandesgericht (OLG) Hamm hat mit rechtskräftigem Beschluss vom 05. Februar 2013 – 7 UF 166/12, entschieden, dass der Vater seiner 25-jährigen Tochter Unterhalt für ein im Oktober 2011 aufgenommenes Journalistikstudium schuldet, auch wenn die Tochter das erste Studium nach dem dritten Semester abgebrochen und das andere Studium erst nach einer Unterbrechung von drei Semestern aufgenommen hatte.

Was war passiert?
Der im Jahre 1949 geborene Vater, der für das Auswärtige Amt im europäischen Ausland berufstätig ist, hatte sich in einem im Jahre 2005 abgeschlossenen Vergleich gegenüber seiner im Jahre 1988 geborenen Tochter verpflichtet, Kindesunterhalt zu zahlen.

Die Tochter stammt aus der im Jahre 2005 geschiedenen Ehe der Eltern und hat zwei Geschwister. Sie lebte nach der Trennung der Eltern im Jahre 2001 mit der Mutter in Dortmund. Dort legte sie im Jahre 2008 das Abitur ab und begann danach zunächst ein Studium für Tourismus und Freizeitmanagement in den Niederlanden. Dieses brach sie Anfang 2010 ab, absolvierte in der Folgezeit mehrere Praktika und einen längeren Aufenthalt in Australien, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Im Oktober 2011 nahm sie das Studium der Journalistik an einer Universität im Ruhrgebiet auf.

Im Verfahren hat sich der Vater auf den Wegfall seiner Unterhaltspflicht ab März 2010 berufen. Er hat u.a. gemeint, seine Tochter sei nicht bedürftig, zum Studium nicht geeignet, verletze ihre Obliegenheiten und habe einen Unterhaltsanspruch zudem verwirkt.

Das AG Dortmund hatte auf den Wegfall der Unterhaltspflicht bis einschließlich September 2011 erkannt und für die Folgezeit einen Unterhalt von monatlich ca. 350 Euro zugesprochen. Mit der hiergegen eingelegten Beschwerde wandte sich der Vater gegen die ab Oktober 2011 fortbestehende Unterhaltspflicht.

Was sagt das Oberlandesgericht dazu?

Das OLG Hamm hat die Beschwerde zurückgewiesen.

Nach Auffassung des Oberlandesgerichts hat die Tochter gemäß § 1610 BGB Anspruch auf angemessenen Unterhalt für den gesamten Lebensbedarf einschließlich der Kosten für eine angemessene Berufsausbildung. Für das im Jahre 2011 aufgenommene Journalistikstudium sei sie ausbildungsgeeignet. Die aus dem Abiturzeugnis ersichtlichen Leistungen disqualifizierten sie nicht für das Studium, ihre bisher im Studium gezeigten Leistungen indizierten ihre Geeignetheit.

Die Tochter habe auch nicht gegen die sie treffende Ausbildungsobliegenheit verstoßen. Sie befinde sich noch in der Erstausbildung, die der Vater entsprechend seinen wirtschaftlichen Verhältnissen anteilig zu alimentieren habe. Ein Kind, das nach seinem Schulabschluss zunächst keine Ausbildung beginne, habe zwar mangels Bedürftigkeit zunächst keinen Unterhaltsanspruch, es sei darauf zu verweisen, seinen Bedarf durch eigene (ungelernte) Arbeit oder aus eigenem Vermögen zu decken. Dadurch verliere es aber nicht den Anspruch auf Unterhalt für eine später begonnene angemessene Ausbildung. So könne auch ein 24jähriges Kind noch eine Ausbildung oder ein Studium beginnen. Von einem jungen Menschen könne nicht von Beginn an eine zielgerichtete, richtige Entscheidung in der Berufswahl erwartet werden. Ihm sei eine Orientierungsphase zur Berufswahl zuzubilligen, deren Dauer sich nach Alter, Entwicklungsstand und den gesamten Lebensumständen richte.

Hiernach sei es im vorliegenden Fall noch hinzunehmen, dass die Tochter ihr Studium in den Niederlanden bis zum Beginn des vierten Semesters abgebrochen und sich auch im Anschluss an dieses nicht sehr zielgerichtet im Hinblick auf ihr jetziges Studium verhalten habe. Nach den zeitlichen und familiären Umständen und unter Berücksichtigung des jetzt aufgenommenen Journalistikstudiums, bei dem es immer noch um die Erstausbildung der Tochter gehe, sei noch nicht von einer Obliegenheitsverletzung der Tochter auszugehen.

Die Tochter habe auch nicht in unterhaltsrelevanter Weise gegen ihr obliegende Informationsobliegenheiten verstoßen und ihren Anspruch für die Zeit ab Oktober 2011 nicht verwirkt. Sie habe ihren Vater zwar im Hinblick auf die Studienerfolge des in den Niederlanden aufgenommenen Studiums unzutreffend unterrichtet und auch eigene Bezüge verschwiegen. In Bezug auf das jetzt aufgenommene Studium habe sie ihrer Informationspflicht nunmehr aber genügt. Durch dieses Studium sei eine neue Situation entstanden. Der Tochter sei zuzubilligen, ihr Studium zügig zu Ende zu führen, hierzu bedürfe es auch einer Alimentation durch ihren Vater.

Der Beschluss ist rechtskräftig.

Was lernen wir daraus?

Volljährigen Kindern ist unterhaltsrechtlich zuzubilligen, dass sie nicht von vorneherein eine zielgerichtete und richtige Entscheidung hinsichtlich ihrer Berufswahl treffen. Unter Berücksichtigung zeitlicher und familiärer Umstände und unter Berücksichtigung des neu aufgenommenen Studiums im Rahmen der  Erstausbildung ist nicht zwangsläufig von einer Obliegenheitsverletzung des Sohnes/der Tochter auszugehen. Wenn das neu aufgenommene Studium dann zügig zu Ende geführt wird, verlieren sie nicht ihren Anspruch auf Unterhalt.
(RH)

By | 2017-07-04T16:40:02+00:00 Juni 25th, 2013|Familien- und Erbrecht|Kommentare deaktiviert für OLG Hamm: Volljähriges Kind hat Anspruch auf Unterhalt bei Aufnahme eines weiteren Studiums nach abgebrochenem ersten Studium

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